„Such a hurricane“ – Stuttgart Festival 2015

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BONAPARTE © About Musïc | Jasmin Zekl

Stuttgart Festival 2015 – Freitag

Trotz Unwetterwarnung, Evakuierung und Sturmtief hat das erste Stuttgart Festival die Feuertaufe bestanden, allen Widrigkeiten getrotzt und uns mit schönster Musik, einem tollen Art Market und leckeren Köstlichkeiten überrascht und verwöhnt. Gegen halb drei geht’s los. Wir kommen bei strahlendem Sonnenschein und hochsommerlichen Temperaturen auf dem Messegelände an – Messehallen, ein weitläufiges, teilweise noch sehr unbelebtes Gelände, Beton und Asphalt, viel Sicht, wenig Grün, Graffitikünstler, Girlanden, die ersten Besucher, sengende Hitze, Budenzauber.

Wir sind gespannt was die nächsten zwei Tage auf uns zukommt und freuen uns, dass mit Eau Rouge eine Band aus Stuttgart das erste Festival in Benztown eröffnet. Auch wenn der Auftritt noch nicht ganz perfekt ist, wird die Stimmung eingefangen, passt der Moment.

Die Sonne brennt, hinter uns steigen die Flugzeuge in den Himmel und wir versuchen, wie all die anderen Besucher auch, ein Plätzchen im Schatten vor der Mainstage zu ergattern. Dort lauschen wir den jungen Musikern von Razz, von denen keines der Bandmitglieder älter als 18 Jahre ist und können die Begeisterung der Fachpresse durchaus nachvollziehen.

Zurück über das Gelände und vorbei an der World Of Art, wo junge lokale Künstler mit dem Schwerpunkt Subkultur und Urban Art performen, geht’s zur Smart Tracks Stage und dem Konzert von Jackson Dyer. Der Australier spielt entspannte gefühlvolle Musik und liefert uns den perfekten Soundtrack an diesem frühen Nachmittag im Sommer. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass dieser junge Musiker schon mit Hozier durch die Lande getourt ist und es für ihn steil die Karriereleiter hinauf geht.

Die erste kleine Pause und das gefühlt fünfte Erfrischungsgetränk gönnen wir uns zu den Klängen von Abby. Die vier Musiker machen tanzbaren Indie und erzählen vom Leben einer Freundin – Abby. Dass bei diesem besonderen Musikkonzept auch mal eine Flöte zum Einsatz kommt, verwundert niemanden.

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Mit energetischem Sound im Ohr bahnen wir uns unseren Weg durch die Designer, Künstler und Kreative, die im Art Market ihre Produkte verkaufen. Das Gelände füllt sich langsam, der Bummel durch die liebevoll gestalteten Stände und Buden ist eine schöne Abwechslung und gibt dem Festival eine eigene und besondere Note. Wir lauschen den Songs des Weltenbummlers David Lemaitre, bei dem Folk Klänge auf hingebungsvollen Gesang und akustische Spielereien treffen, bevor wir uns pünktlich um 17:45 Uhr wieder vor der Mainstage einfinden und uns auf das Konzert der französischen Band Talisco freuen. Bewaffnet mit einer Gitarre tanzt und springt der Künstler über die Bühne und ist sichtlich begeistert, das sich das Publikum „Hey ya, hey ya, hey ya“ singend des (Festival)Lebens erfreut.

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FM Belfast sind es letztendlich, die ausgeflippt und aufgedreht wie eh und je, den Festivalabend einläuten und all jene Menschen zum Ausrasten veranlassen, die gerade nicht in der Sommersonne stehen und zu den Songs von Charity Children entspannen.

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Ob Lametta, bunte Farben, Glitzer, Gold, Konfetti und Luftschlangen – Bei der Truppe aus Island gibt es nicht nur was auf die Ohren, sondern auch für die Augen. Die Masse ist am Hüpfen, Tanzen und Springen, singt lauthals mit und wir sind uns einig – Die Isländer bekommen ihr Festival Müllpfand mit Sicherheit nicht zurück.

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Ezra Furman und seine Tourband The Boyfriends begeistert uns schließlich mit einer Mischung aus Chamber-Pop, Garage, Soul und Worten, die so bewegend und schön sind, dass wir sie uns am liebsten sofort tätowieren lassen wollen. Im Kleid und mit roten Lippen bringt der Musiker die Bühne zum Strahlen und verzaubert alle mit unheimlicher Präsenz und Energie.

Im Anschluss schlägt der irische Folkpopmusiker James Vincent McMorrow mit seiner markant hohen Stimme und seinem 2014 veröffentlichten Album „Post Tropical“ ruhigere Töne an. Den perfekten Soundtrack zum aufziehenden Unwetter liefert schließlich Ólafur Arnalds gedankenverloren und mit vollendetem Schönklang.

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Als die Blitze zunehmen, das Grollen nicht mehr zu überhören ist und die Windböen in immer kürzeren Abständen über das Gelände fegen, muss Dillon bereits nach wenigen Songs ihre Show unterbrechen. Schade, die junge Musikerin aus Brasilien hat uns mit ihrer charaktervollen Stimme und den tiefen Bässen sofort begeistert.

Gegen halb elf betritt einer der Organisatoren des Festivals die Bühne und teilt den Zuschauern mit, dass es eine Unwetterwarnung gibt und dass dies der Grund für den Abbruch des Konzertes ist. Kurz darauf tönt es via Lautsprecher über das Gelände. Die Veranstalter öffnen zwei Messehallen, die Besucher werden aufgefordert sich ruhig und ohne Panik dorthin zu begeben und zu warten, bis das Gewitter vorüber ist. Die einen finden sich hoffnungsvoll in der Messehalle ein, andere Rock-Am-Ring-Unwetter-Geplagte wie wir, treten umgehend den Heimweg an. Schon auf dem Weg zur Bahn wird klar, dass die Crystal Fighters, der Headliner des heutigen Abends, nicht mehr spielen werden. Manche sind genervt, die meisten haben jedoch Verständnis für den Veranstalter, der bei der Premiere große Umsichtigkeit beweist und das Wohl der Besucher in den Vordergrund stellt. Die Smartphones werden gezückt, Wetter Apps befragt – wir hoffen alle auf einen weiteren großartigen Festivaltag am Samstag.

Stuttgart Festival 2015 – Samstag

Der Tag beginnt mit einem bangen Blick in die Medien, wird das Festival trotz Sturmwarnung stattfinden? Irgendwann ist es raus. Das Stuttgart Festival öffnet seine Tore um 16:00Uhr statt wie geplant um 12:00Uhr. Einige Bands wie Maribou State oder Claire können nicht auftreten, die meisten Konzerte auf der Smart Track Stage werden ersatzlos gestrichen. Als wir das Gelände betreten, sieht man, dass es in der Nacht zuvor Federn gelassen hat – Jegliche Dekoration ist verschwunden, der Art Market hat seine Zelte ab und leider nicht wieder aufgebaut, die Getränkestände fallen ohne Dach und Plane kaum auf. Ein bisschen trostlos wirkt das Ganze während der Wind vor apokalyptisch anmutendem Himmel noch immer alles über den Platz fegt, das nicht Niet und Nagelfest ist.

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Doch die Besucher lassen sich davon nicht abschrecken, sind dankbar, dass „ihr“ Festival im Gegensatz zu vielen anderen landauf landab trotz allem in die zweite Runde geht und setzen mit ihrer Präsenz nicht nur die richtigen Akzente auf dem Gelände, sondern finden sich zudem überaus zahlreich zum Konzert von Balthazar vor der Mainstage ein. Die Indie-Rock-Band aus dem belgischen Gent freut sich über das Publikum in Feierlaune und bedankt sich mit lockeren Bassläufen, Violine, starken Stimmen und einem experimentierfreudigen Sound.

Da die Konzerte auf der kleinen Bühne wegen immer noch über’s Gelände wehenden Sturmböen nach wie vor nicht statt finden, verharren auch wir vor der großen Bühne und feiern mit Zoot Woman aus Großbritannien schwelgerischen modernen Elektropop und „automatic feelings“

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Und dann zeigt das Publikum zum ersten Mal, was wirklich in ihm steckt. Bonaparte betreten die Stage und verwandeln den Bereich vor der Hauptbühne mit ihrer energetischen Show binnen Sekunden in einen brodelnden Hexenkessel. Den ein oder anderen nur mit T-Shirt und kurzen Hosen bekleideten Festivalbesucher freut dies mit Sicherheit und auch wir sind froh bei dem Windgetöse ganz tief in die Outdoor Klamottenkiste gegriffen zu haben.

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Das Performance-Kollektiv hingegen zeigt sich mal freizügig, mal maskiert, lässt nichts anbrennen, hat nicht nur neue und alte Hits im Gepäck, sondern bietet zudem erstklassigen Ausdruckstanz und ein fast theaterähnliches Happening, das mit jeglichen Konventionen bricht.

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Gut gelaunt tanzen wir am DJ Set vorbei über’s Gelände und freuen uns, dass der Himmel aufreißt, der Sturm nachlässt und Reptile Youth das erste Konzert auf der kleinen Bühne spielen. Nach einem für die Band eher gemäßigten Auftakt, pflügt sich Mads Damsgaard Kristiansen gekonnt und gewohnt durch die Zuschauerreihen, lässt sich feiern und surft über die Arme und Köpfe der Zuschauer hinweg um zum Song „Speeddance“ mit allen zusammen hemmungslos auszurasten.

Dass das Stuttgart Festival auf einen individuellen Sound statt auf die ganz großen Namen setzt und dabei den Nerv der Festivalbesucher trifft, beweisen die vielen tanzenden Menschen beim DJ Set von Mount Kimbie – ein schönes Bild unter inzwischen wieder fast blauem Himmel und Abendsonne.

Eben noch gechillt abgezappelt heißt es dann auch schon wieder hüpfen, springen und mitsingen. Die großartigen Norweger von Kakkmaddafakka läuten den Abschluss ein und bringen das Publikum mit ihrer druckvollen Mischung aus Rock, Pop, Rap und Indie zum Jubeln und Klatschen. „Let’s make a bestival out of this festival!“, fordern sie die tanzenden Menge auf.

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Völlig verausgabt lassen auch wir uns dann noch vom Londoner Elektro-Tüftler SBTRKT auf eine klangvolle verspielte Reise mitnehmen, genießen innovative elektronische Musik und können dem jungen Musiker aus London nur beipflichten, der sein Konzert gegen Mitternacht mit der Textzeile „Such a hurricane“ beendet.

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Fazit: Die Veranstalter des ersten Stuttgart Festivals hatten nicht nur mit Sturmböen vor Ort, sondern zum Teil auch heftigem Gegenwind in den sozialen Netzwerken zu kämpfen. Als am Samstag Abend jedoch die letzten Klänge vom Wind über’s Gelände getragen werden, ist vom Unmut nichts mehr zu spüren. Die Initiatoren des Festivals haben exklusiven Geschmack bewiesen und ein tolles Gesamtpaket aufgestellt. Die Atmosphäre war großartig und die Musik sowieso. Wir freuen uns auf’s nächste Jahr und hoffen, dass das Konzept aufgeht und sich das Stuttgart Festival auch in Zukunft von anderen Festivals abhebt und etabliert. Wir sind uns jedenfalls einig – Premiere fabelhaft gemeistert!

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Review Christiane Hoppe / Photos Jasmin Zekl (Copyright: About MusÏc)